Not Reconciled

Titel: Not Reconciled
Instrumentation: Klarinette, Violoncello, Posaune, Gitarre und Schlagzeug
Dauer: ca. 14 Min.
Jahr: 2002–03
Uraufführung: März Musik, Berlin 2004
Interpreten: Ensemble SurPlus

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Not Reconciled (Edition Peters, mm. 1–4)

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Nicht versöhnt (Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, 1965)

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Not Reconciled (Edition Peters, mm. 154–163)

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Nicht versöhnt (Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, 1965)

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Not Reconciled (Edition Peters, mm. 179–85)


Not Reconciled (Auszug)

Auf einer mühsamen und ernsthaften Suche nach einer Nadel im Heuhaufen, würden wir – zumal wenn es fraglich wäre, ob überhaupt eine Nadel verborgen ist – letztlich doch eines kennenlernen: den Klang und die Sprache des Heues selbst. Und nach einer Weile würden wir nicht mehr nach der Nadel Ausschau halten, sondern vielmehr nach einer Botschaft des Heues und nach Möglichkeiten, diese zu dekodieren. Tsao spricht von den „Spuren der Musik: dem Geräusch von Fingernägeln, die gegen Saiten reiben, dem Rasseln der Schnarrsaiten einer Snare drum, dem Klappengeräusch einer Klarinette“. All dies stellt musikalische Artefakte dar, Überreste, wenn man so will. Und wie bei jedem Rückstand – selbst dem der Historie, der Erinnerung –, ist die Annahme ihrer Desorganisiertheit irreführend: ihre Genauigkeit kennt kein Erbarmen. Die Aufgabe, die sich hier stellt, nicht anders als für Straub und Huillet in ihrem Film Nicht versöhnt (Not Reconciled), ist, die angestrebte Genauigkeit in der Erfahrung des Werkes greifbar und nicht im geringsten willkürlich zu gestalten. Indem sie sowohl Zeit, Tempo und Aktion bloßlegen und von allem Zierrat entfernen, haben Filme die Möglichkeit, durch ihre nackte visuelle Sprache in Erscheinung zu treten. Als erstes erscheint Tsaos Herangehensweise subtil, aber auch pflichtbewusst prozesshaft, in der Folge ausdrucksvoll, aber auch geradezu minutiös exklamatorisch; dies geschieht durch pedantisch genaue zeitliche Dehnung und Adjustierung, durch die prismatische Linse der lokalen Wiederholung und schließlich durch die extreme und zugleich präzise getimte Aufblähung. Von größtem Belang ist hier jedoch die Frage, was in diesem Werk Gewalt darstellt und wie es auf diese antwortet bzw. es nicht antwortet, was in dem Werk Schönheit ist und in welchem Verhältnis Gewalt und Schönheit, so wie der Komponist sie entwirft und gestaltet, zueinander stehen.
Steven Takasugi

Link: https://edition-peters.de/works/not-reconciled/139424