Plus or Minus

Titel: Plus or Minus
Instrumentation: 2 Klaviere und Elektronik
Jahr: 2017–18
Dauer: ca. 30 Min.
Uraufführung: Matrix Festival 2020
Interpreten: Florian Hoelscher, Klaus Steffes-Holländer und Freiburg Experimental Studio

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Plus Minus: ein Beispiel einer Seite mit den Symbolen (Karlheinz Stockhausen, 1963)

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Plus Minus: ein Beispiel einer Seite mit den Noten (Karlheinz Stockhausen, 1963)

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus: eine Seite aus dem Event Form-Schema

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus: eine Seite aus dem Event Form-Schema

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus: eine Seite mit ausgearbeiteten Transpositionen der Zentralklänge

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus, ein Auszug aus einem weiterausgearbeiteten Stadium des Event Formschemas

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus, ein Auszug aus einem weiterausgearbeiteten Stadium des Event Formschemas

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Ming Tsao, vorkompositorische Skizze zu Plus or Minus: ein Auszug aus dem Metrik Schema

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Plus or Minus (Edition Peters, mm. 1–6)

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Vorbereitung der elektronischen Transducer im Klavier für Plus or Minus

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Vorbereitung der elektronischen Transducer im Klavier für Plus or Minus

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Mantra (Karlheinz Stockhausen, 1970)

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Vorbereitung der elektronischen Transducer im Klavier für Plus or Minus

Warum Plus Minus ein zweites Mal realisieren? Da man so mit den Regeln und der Art der Interpretation präziser arbeiten kann. Als ich meine Kenntnisse über Stockhausens Musik vertiefte, vertiefte sich auch mein Verständnis seiner Absichten hinter Plus Minus, einschließlich des Gewahrseins für mögliche Einschränkungen. In dieser aktuellen Umsetzung realisiere ich alle 7 Seiten aus Stockhausens Partitur in zwei Schichten, wobei jedes Klavier eine andere Schicht im kompositorischen Prozess darstellt. Doch als meine strukturelle Planung für Plus Minus genauer wurde, begann die endgültige Komposition von Plus Minus in eine Klangwelt abzudriften, die von Fragmenten aus Stockhausens Mantra beherrscht wurden, die ich als Material für die „Negativ–Band“ meiner Realisierung benutzte. Deshalb platziere ich die Disjunktion „oder“ in den Titel Plus oder Minus, welcher als Synonym für „ungefähr“ benutzt wird und gleichzeitig eine Wahl vorschlägt. Aber was ist die Wahl?

Mantra stellt die Frage: „Wie ist der menschliche Ausdruck in einer Welt möglich, in der Technologie für alle Aspekte der Sprache und Kommunikation ein integraler Bestandteil geworden ist?“ (Zum Beispiel bezieht sich der „Morsecode“, menschliche Stimmen, die durch Technologie, rituelle Interpunktion mit Crotales und Woodblocks transformiert werden). Dies ist eine berechtigte Frage am Ende der sechziger Jahre, als die Möglichkeiten der Technologie auf einige unserer grundlegendsten menschlichen Anliegen zu antworten scheinen. Fünfzig Jahre später stellt sich in meinem Beitrag die Frage: „Wie ist menschlicher Ausdruck in einer Welt möglich, in der Technologisierung die Erde so schnell beschädigt hat, dass sie für den Menschen unbewohnbar ist?“ In meiner Erkenntnis gibt es kein Versprechen eines Morse-Codes als universelles Kommunikationsmittel, es gibt keine menschlichen Stimmen, die durch technologische Mittel gerettet werden, und keine ritualisierten Interpunktionszeichen, denen man entkommen kann. Was in meiner Arbeit aufgedeckt wird, ist die gefühlte Präsenz von seismischen, fast geologischen Kräften, die den menschlichen Ausdruck als einen Aspekt einer viel komplexeren Welt an seinen richtigen Platz bringen. In Plus oder Minus sind viele elektronische Wandler im Piano platziert, so dass jedes Piano mit seinem klingendem Materialien in eine Art Rückkopplungsschleife eingreift. Niedrige Töne durch die Schallwandler bewirken, dass sich die Klaviere bewegen und vibrieren, so dass die Materialität des Klaviers selbst – Holz und Metall – zusammen mit den Spielern zu „singen“ beginnt. Diese Möglichkeit zum musikalischen Ausdruck in unserer beschädigt Welt würde ich als „Lyrik des Anthropozäns“ bezeichnen und zu dieser Lyrik dränge ich Stockhausens strukturelles Denken mit Klang.

Link: https://edition-peters.de/product/plus-or-minus/ep14357