The Book of Virtual Transcriptions

Titel: The Book of Virtual Transcriptions
Instrumentation: Oboe, Trompete, Horn, Posaune, Violine, Viola und Violoncello
Jahr: 2004—05
Dauer: ca. 14 Min.
Uraufführung: Freiburg Neue Musik Festival 2006
Interpreten: Ensemble SurPlus

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The Book of Virtual Transcriptions: “The Constellation of a Labyrinth” („Die Anordnung eines Labyrinths“) (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 1–17)

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Virtual House (Daniel Libeskind, 1997)

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The Book of Virtual Transcriptions: “An End to Hierarchy” („Ein Ende zur Hierachie“) (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 443–456)

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Oboe Quartet K.V. 370, Adagio (Wolfgang Amadeus Mozart, 1781)

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The Book of Virtual Transcriptions: “The lines (as the most stable elements of the engraving) are concentrated behind” [„Die Linien (als stabilste Elemente der Gravur) sind dahinter konzentriert“] (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 372–388)

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The Book of Virtual Transcriptions: “The filling of an empty space by a supposedly empty body (a movement born of difference in pressure from compression into scattering)” [„Die Füllung eines leeren Raumes durch einen vermeintlich leeren Körper (eine Bewegung, die aus Druckdifferenzen durch Kompression in Streuung entsteht)“] (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 344–361)


The Book of Virtual Transcriptions (Auszug)

Dieses dekonstruktivistischste Werk Tsaos, das nicht weniger von den 7 x 7 Zeilen Text von Daniel Libeskinds Virtual House inspiriert wurde, als von dem Adagio aus Mozarts Oboenquartett (KV 370), ist ein gutes Beispiel dafür, wie ungewöhnliche konzeptionelle Ideen eine neue Form hervorbringen und hier zu Inkongruenzen der Eigenklänge traditioneller Instrumente führen (was deren mitschwingende Bedeutungen mit einschließt), wenn die Klänge immer wieder denen anderer Instrumente ähneln, die gar nicht da sind. So kommen aus dem verstimmten und gedämpften Blasinstument und der Oboe Klänge, die an verschiedene Orgelregister erinnern, besonders an die Flöte. Die spröde Logik von 49 architektonischen Scherzfragen, die in eine Reihe klingender Strukturen transkribiert wurden, weist einen Weg aus dem konventionellen Narrativ und de- wie rekonstruiert Zusammenhänge, die dann wiederum einer vorschnell verstandenen Kontinuität entgegenstehen. Wenn es eine Konstistenz gibt, dann die einer fortwährenden Seltsamkeit und Verfremdung. Die ständigen Ligaturen und gelegentlichen Fermata, die in der Musik Kadenz und Auflösung genannt werden, verstärken letztlich nur den Eindruck des Rätselhafen und Inkongruenten und zum Ende hin erhält selbst noch das banalste skalare Material die überraschende Eigenschaft des Deplatzierten und musikalisch Unverwandten. In einer dekonstruktivistischen Architektur können Wände, Treppenhäuser, Fenster oder Vorhallen nicht für bare Münze genommen werden: Ähnliches gilt hier für Instrumente, Zäsuren, Kontinuitäten oder Soli – all dies wird in Bezug auf das Ganze neu wahrgenommen, so als stünde man auf einem konzeptuellen Gefälle oder schrägen Untergrund, die einem die gewohnte Perspektive versagen. Am deutlichsten ist dies bezüglich der Form und Zeit des Stückes, die einen in eine unausgesetzte erregte Ratlosigkeit versetzen – die Rätselfrage lautet: Was ist das eigentlich? Auch gründet die Frage im Nachhinein auf einer nicht abreißenden, wissbegierigen Spannung, Räumlichkeit und Logik: all dem, was die Richtigkeit des fragmentierten Ganzen ausmacht.
Steven Takasugi

Link: edition-peters.de/works/the-book-of-virtual-transcriptions/139425