(Un)cover

Titel: (Un)cover
Instrumentation: Trompete, Posaune, Gitarre, Klavier, Violoncello und Schlagzeug
Jahr: 2008
Dauer: ca. 9 Min.
Uraufführung: Donaueschinger Musiktage 2008
Interpreten: Ensemble Ascolta

(Un)cover 1

(Un)cover (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 1–6)

(Un)cover 2b

Klaviersonate Op. 111 (Ludwig van Beethoven, 1821–22)

(Un)cover 3

(Un)cover (Ming Tsao, Edition Peters, mm. 29–33)


(Un)cover (Auszug)

Actioni contrariam et aequalem esse reactionem. Für jede Aktion gibt es eine gleichgerichtete und eine entgegengesetzte Reaktion. In (Un)cover scheint es hinter jeder positiven Aussage an der Oberfläche etwas zu geben, das da wartet, in diesem besonderen Fall jedoch auf etwas Nichtvorhandenes wartet, das ein solches für immer bleiben mag. Um die Entleerung und Versenkung am Ende des Werkes zu verstehen, muss man zunächst das Drama an der Oberfläche studieren, sein Inspirationspotential und die ambivalente und eher widersprüchliche Natur all jener Momente der Ruhe, die periodenhaft in dem Stück vorkommen.

Es ist kein Zufall, dass Un(cover) auf Beethovens Opus 111 zurückgeht und zwar auf den 1. Satz, nicht auf den 2. Tsao versteht es in der Folge, den Bezug herzustellen zu dem eher monumentalen und majästetischen C-Dur-Charakter und das damit einhergehende Pathos wie die kantige Thetralik, die durch kraftvolle und interpunktierte Gesten nachgebildet wird. Beethovens transzendenter 2. Satz (die Arie und ihre Variationen) mit seinem versöhnlichen und erlösungsweisenden Gefühlsgehalt ist eben dieses Nichtvorhandene (es kommt nie), ein „Niemals vorhanden sein dürfen“, dieses beinahe rastlose nervöse Warten auf etwas, das in vielerlei Hinsicht auch „niemals vorhanden erschien“: etwas Vorangegangenes, dem nichts nachgefolgt ist. Da alles schon gesagt ist, hat Opus 111 auch keinen dritten Satz. Und da das so ist, muss Tsao aussteigen, um es nicht noch einmal zu sagen. Es wird hier keine neuen Narben geben, die über alten entstehen, keine Heilung der Geschichte in Bereichen, die bereits geheilt sind. Auch sei hier auf das berühmte 8. Kapitel von Thomas Manns Doktor Faustus verwiesen (das dieser offenkundig mit der Hilfe Adornos schrieb). Der Grundgedanke dreht sich hier um die Beziehung zwischen „Spätstil“ und der Wiederbelebung von vergangener Musik (ein weiterer Grund, auf die alten Meister zu verweisen). Nachdem Tsao in früheren Werken eine eher entlegenere (und musikalisch negative, etwa mit Geräuschen arbeitende) Sprache ausgekundschaftet hat, ist es denn auch kein Zufall, dass (Un)cover eine Rückkehr in die dramatischen Gefilde der Musik darstellt. Oft sind es nicht die gewagtesten Fragen, die das eigene Weiterarbeiten auf Dauer befeuern, sondern solche, die einen in erschreckend widersprüchliche Richtungen stoßen: so wie ein gewisses Kräuseln des Wasser erst dann zu spüren ist, wenn man gegen den Strom schwimmt. Und doch kennt jede Aktion eine gleichgerichtete wie eine entgegengesetzte Reaktion. Hier gibt es noch keine „späte Schaffensperiode“ (obwohl man darüber spekulieren darf, wie eine solche für Tsao aussehen könnte), sondern vielmehr eine Affinität zu „Spätstil“ im Allgemeinen, eine nervöse Erregung bezüglich dieses Konzepts. Wie ließe es sich anwenden als eine ästhetische Kategorie, die in Angriff genommen werden möchte, die nach Verbündeten sucht? Die Energien, die das Werk in Richtung einer Versöhnung und Erlösung treiben würden, werden in Schach gehalten von dieser rastlosen Ruhe und schließlich von einer beinahe explizit unterminierenden Deflation und Versenkung, die am Ende des Stückes steht. Dem gegenüber stehen Momente von delikater Schönheit und Verheißung, wie sie Tsaos Werk bis dahin noch nicht kannte, in keinerlei Widerspruch. Die Geschichte für sich zu beanspruchen heißt eben nicht zuletzt, an Bord zu gehen, obwohl man weiß, dass das Schiff untergehen wird. Darauf zu beharren, an Bord zu gehen, bedeutet, dass man einen Standpunkt einnimmt.
Steven Takasugi

Link: edition-peters.de/works/uncover/139427