Dritte Stimme zu Bachs zweistimmigen Inventionen

Titel: Dritte Stimme zu Bachs zweistimmigen Inventionen
Instrument: Für jedes Tasteninstrument
Jahr: 2019
Dauer: 25 Min.
Uraufführung: Götheburg, Schweden 2019
Interpreten: Joel Speerstra und Ulrika Davidsson

Invention 14

Inventio #14 (BWV 800, J.S. Bach, 1723)

Zweistimmige Inventionen als „Schule des Triospiels“, Invention 4 (Max Reger, 1903)

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Dritte Stimme zu J.S. Bachs zweistimmiger Invention d-moll BWV 775 (Helmut Lachenmann, 1985)

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Dritte Stimme zu Bachs zweistimmigen Inventionen (Ming Tsao, Edition Peters, "Inventio 4", 2019)

Invention 6

Inventio #6 (BWV 777; J.S. Bach, 1723)

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Dritte Stimme zu Bachs zweistimmigen Inventionen (Ming Tsao, Uraufführung)

Warum eine dritte Stimme zu J.S. Bachs zweistimmige Inventionen hinzufügen? Sicherlich nicht, jede Invention in eine dreistimmige Sinfonia zu verwandeln, die nur eine mittelmäßige pädagogischen Funktion dient (wie Max Regers “Schule des Triospiels” mit seine hinzugefügte dritte Stimme als Pedalstudien in der Art des Triospiels). Eine Möglichkeit ist die Art und Weise, wie der Komponist Helmut Lachenmann seine dritte Stimme zu Bachs d-Moll-Invention hinzufügt. Die hinzugefügte dritte Stimme funktioniert nicht als dritte Stimme, wie dies normalerweise bei einer dreistimmigen Sinfonia der Fall ist, bei der die Darstellung des Hauptmotivs auf die drei Stimmen mehr oder weniger gleichmäßig verteilt ist. Obwohl Lachenmanns dritte Stimme die implizierte harmonische Struktur der Erfindung unterstützt, tut sie dies oft auf bescheidene und sogar banale Art und Weise, wodurch sie zumindest an der Oberfläche ein geringeres Gewicht als die beiden anderen Stimmen erhält.

Man wundert sich, warum Lachenmann auf eine so bescheidene oder gar banale dritte Stimme zurückgreift? Eine mögliche Antwort kann in seinen Schriften zur Musik gefunden werden. Lachenmann beschreibt in seiner Sammlung von sieben Klavierstücken „Ein Kinderspiel“ aus dem Jahr 1980 einfache Muster (wie eine chromatische Skala nach oben und unten), die „völlig unmusikalisch, banal oder so primitiv sind, dass man in der Lage ist zu hören, was tatsächlich im Hintergrund dieses Klangs geschieht … wo imaginierte Melodien durch die Resonanzen erklingen. “In der Tat führt Lachenmanns dritte Stimme in der d-Moll Invention dazu, dass die Aufmerksamkeit des Hörers auf die motivischen und harmonischen Resonanzen, die sich durch die Invention ausbreiten gelenkt wird. Bachs ursprüngliche zwei Stimmen werden dadurch in den Vordergrund gebracht. Durch solche Perspektivierungsübungen wird die meisterliche Kompositionstechnik von Bach gezeigt und die Konzentration des Hörers erhöht.

Meine hinzugefügte dritte Stimme funktioniert nicht als dritte Stimme, wie dies normalerweise bei einer dreistimmigen Sinfonia der Fall ist, bei der die Darstellung des Hauptmotivs auf die drei Stimmen mehr oder weniger gleichmäßig verteilt ist. Meine eigene hinzugefügte dritte Stimme zu jeder der 15 Inventionen von Bach sucht eine alternative Beziehung, indem sie das kompositorische Gleichgewicht der beiden ursprünglichen Stimmen von Bach destabilisiert (bei gleichzeitiger Befolgung der Regeln des barocken Kontrapunkts wird in jede Invention etwas hineingelegt, was einem Virus ähnelt und dann im gesamten Körper der Komposition metastasiert. Das Virus ist ein Parasit, der die lyrische Kommunikation jedes Invention stört und dessen Form beschädigt. Das Virus integriert sich in die beiden Stimmen, repliziert sich mit ihnen, bleibt jedoch inaktiv, bis die richtigen Bedingungen für die Reaktivierung eintreten. Die hinzugefügte Stimme, -als eine Art abstoßende Kraft, drückt die Originalstimmen auf subtile Art und Weise auseinander (durch Elemente wie unzusammenhängende und störende Querbeziehungen oder aufeinanderfolgende Dissonanzen, als ob sie einen Schlupf zwischen den Stimmen suggerieren möchte), um nicht die Beherrschung der kontrapunktischen Technik, sondern deren Zerbrechlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, die das menschliche Denken und seine Arbeit ständig zu überwinden versuchen. Ich hoffe, dass diese Zerbrechlichkeit unser Verlangen als Hörer nach technologischer Kontrolle verringern und ein materialistischeres Hören von Bachs musikalischen Strukturen ermöglichen kann.

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