Trioden Variationen


Titel: Trioden Variationen

Instrumentation: Großes Ensemble
Jahr: 2019–2020
Dauer: 25 Min.
Uraufführung: WDR Funkhaus 2022
Interpreten: MusikFabrik

triodevariations

Schaltplan für eine Triode

Schoenberg Variations

Variationen für Orchester (Arnold Schoenberg, 1926–28)

Triodes

Trioden (J.H. Prynne, 1999)

Bei der Einführung seiner „Variationen für Orchester“ (1931) führte Schönberg aus, dass „irgendwann die Macht der Mehrheit begrenzt ist“, was seine Rechtfertigung für eine „Minderheitsposition“ war, eine Position, in der der Akt des Zuhörens den Status quo in Frage stellen muss. Als Schritt in diese maßgeblich politische Richtung wählte Schönberg das Modell „Thema und Variationen“, um das Variations- und Gleichheitsgefühl, die Überleitung, die Kadenz und alle anderen Hörgewohnheiten des Hörenden herauszufordern, welche bisher ein befriedigendes Gefühl des Zusammenhalts und des Verständnisses beim Hören garantiert haben. Ein Teil dieser Herausforderung bestand darin, die Vorstellung von Variation und die Schritte, die jemand braucht, um „Unterschiede“ beim Zuhören wahrzunehmen, grundlegend in Frage zu stellen: Schönberg nutzte die Variationstechnik in der Komposition radikal durch eine Dehierarchisierung eines Themas mit großen Sprüngen zu weit voneinander entfernt scheinenden Variationen.

In meiner Bearbeitung von Schönbergs Variationen für ein großes Ensemble verorte ich die Komplexität der Variationen in den Kontext elektronischer Trioden, in denen die Übertragung von drei gleichzeitigen Signalen ermöglicht wird. Ich verwende das Gedicht Trioden (1999) des Dichters J.H. Prynne und lege die metrische und rhythmische Struktur sowie das Tempo meines Stücks seiner in Schrift vorgegebenen Silbenstruktur und Zeilenumbrüche als auch Einrückungsgrade zugrunde. Eine solche Übertragung von drei gleichzeitigen Signalen (Rhythmus, Metrum, Tempo) prägt die Aufnahmefähigkeit der Musik. Plötzliche Spannungsänderungen werden auf kleine Fragmente (ein oder zwei Takte) von Schönbergs Originalmaterial angewendet, so dass elektrischer Stromfluss, Widerstand und Interferenz auf jeder Ebene der Variationsstruktur auftreten. Der elektronische Schaltkreis einer Triode sorgt dafür, dass Schönbergs Musik gelegentlich erkennbar wird, leitet sie aber auch um und verbindet sie mit größeren Kontexten, die ziemlich weit davon entfernt sind.

Die Komplexität dieser Schaltungsübertragung versetzt die vertraute Welt von Schönbergs Musik in klaffend unsichere Orte. Ich erreiche diese Übertragung, indem ich den musikalischen Ausdruck durch transkribierte Formen und Gesten – in diesem Fall aus Schönbergs Variationen – auf ein rhythmisches Raster verlagere, welches durch ständige und unvorhersehbare Takt- und Tempoveränderungen instabil wird. Gegen dieses Raster können die transkribierten Materialien niemals einen zentralen Punkt finden, um absichtlich klare Ausdrücke und Deklamationen (ein stabiles „Ich“) zu manifestieren, zumal das Tempo nie für mehr als ein oder zwei Takte der Musik konstant ist. Die Idee von Trioden als das Zusammentreffen unterschiedlicher Spannungs- und Interferenzniveaus ruft in meiner Arbeit jedoch auch Anklänge an Gérard Griseys „Quatre chants pour franchir le seuil“ hervor, welche zu verstehen geben, dass die kurzen Musikfragmente nie ausreichen, um wirklich weiterzumachen und ein Netz aus Assoziationen spinnen, um ein Argument oder einen Standpunkt zu konstruieren. Sie bietet zuweilen nur eine Schwelle zwischen der Idee des Festhaltens an dem Ort, an dem die Kraft all dieser musikalischen Gesten nicht außer Acht gelassen werden kann, aber ebenso, wo sie nicht festgelegt und für die Unmittelbarkeit des Ausdrucks verwendet werden können. Durch eine solche Schwelle beginnen sich diese Gesten gegenseitig zu untergraben, um die Möglichkeiten eines neuen musikalischen Ausdrucks zu schaffen, in welcher die „Sprechstimme“ von Natur aus komplex und offen für andere Ausdrucksformen ist, welche die Abhängigkeit der Lyrik von einem humanistischen Paradigma in Frage stellen. Dies ist schließlich die Folge von Schönbergs Dehierarchisierung eines Themas in seinen Variationen. Die Idee eines fortwährenden „Zentrums“, von dem aus eine Art Heimat beansprucht werden kann, wird ständig durch eine zeitliche Struktur untergraben, welche als Schaltplan für subtile oder brutale Kontrollmaßnahmen fungiert, die an Zwischenpunkten ausgeübt werden müssen, um das Leistungsniveau zu verringern oder zu verstärken, um Musik mit einer Struktur zu erzeugen, welche, wenn man es wie Robin Purves sähe, der Politik gleichzusetzen sei.